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Wismar · Baumhaus · 2001 |
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Photo © Hanjo VolsterEinfuehrungPortraits auf HolzBeatrice Busjan, Direktorin des Stadtgeschichtlichen Museum "Schabbellhaus" in Wismar | ||
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Manfred W. Juergens hat uns heute abend zu seiner ersten oeffentlichen Ausstellung eingeladen und ihr den Titel "Portraits" gegeben. Glaubt man dem Florentiner Renaissancearchitekten und -gelehrten Leon Battista Alberti, so stand ein missglueckter Portraitversuch am Beginn der Malerei. In seinem 1435 erschienenen Traktat "Della Pittura" erzaehlt Alberti naemlich folgende Legende: "Durstig ueber eine Quelle gebeugt, erblickte Narcissus im Spiegel des Wassers ein Bild, sein Ebenbild. Er suchte es zu fassen, festzuhalten - aber vergeblich". Narcissus scheiterte und brachte so - laut Alberti - die Malerei auf den Weg. Und Alberti fragt weiter rhetorisch: "Denn koenntest Du wohl sagen, dass die Malerei anderes sei als kuenstlerisch ein Ebenbild zu umfassen suchen, gleich jenem, welches dort aus dem Spiegel der Quelle blickte?" Dass die Portraitkunst in der Renaissance zur Bluete gelangte, also in einer Zeit, als die Individualitaet des einzelnen Menschen eine bis dahin nie gedachte Geltung bekam, ist leicht nachzuvollziehen. Und wer sich bei einigen Portraits von Juergens aufgrund ihrer Bildaufteilung, ihrer Farbigkeit und ihren Details wie z. B. der Benennung des Portraitierten im Bild, wie Sie es in den beiden Bildern rechts von mir sehen, nicht an Renaissancevorbilder erinnert fuehlt, der war wohl lange nicht mehr in einer Gemaeldegalerie Alter Meister. Doch natuerlich malt Juergens bei allen traditionellen Bezuegen und Techniken nicht a la Duerer, denn die Erfahrungen und Entwicklungen der Kunst, die kein Heutiger ausblenden kann, gingen auch an ihm nicht vorueber. So tritt uns eine Mischung aus Renaissance und Neuer Sachlichkeit in den Portraits von Juergens entgegen. Nicht erst unter dem Eindruck der modernen Malerei wandelte sich die eingangs zitierte Frage Albertis, ob die Malerei nichts anderes sei als ein kuenstlerisches Ebenbild, von einer rhetorischen zu einer echten. Spaetestens seit die Forderung nach strikter Abbildlichkeit weit besser mit mechanischen als mit kuenstlerischen Verfahren erfuellt werden kann, muss die Frage nach der Malerei anders beantwortet werden und kann man sagen, dass; Malerei anderes und mehr beinhalten muesse, als die taeuschend aehnliche Wiedergabe von konkret Vorgegebenem. Juergens hat das Verhaeltnis von Fotografie und Malerei fuer sich entschieden: Hoert man, dass er fuer einige Portraits als Vorstudien mehrere hundert Fotos gemacht hat, so wird deutlich, dass die Fotografie bei ihm nunmehr das Skizzenbuch ersetzt. Dass er aber der Fotografie auch als Kunstform nicht fern steht, spuert man bei der Betrachtung seiner Portraits im Verhaeltnis zwischen der dargestellten Person und ihrem Hintergrund. Unwillkuerlich kommt einem der Begriff "Tiefenschaerfe" und alle damit verbundenen Probleme und Moeglichkeiten in den Sinn. Trotz der langen Tradition der Bildgattung "Portrait" gibt es auf die Frage "Was ist ein Portrait" durchaus unterschiedliche Antworten. Ist es schlicht das Bild eines Menschen? Oder ist es das Abbild eines bestimmten Menschen? Oder ist es das Bildnis eines bestimmten Menschen, das nicht bei der aeusseren Erscheinung verharrt, sondern ihn auch seinem Wesen gemaess erfasst? So unterschiedlich die Antworten sind, sie alle haben eines gemeinsam: Es besteht uebereinstimmung, dass das Motiv eines Portraits der Mensch sei. Gerade diesen kleinsten gemeinsamen Nenner verlaesst jedoch Manfred W. Juergens, in dem er bewusst auch eine Landschaft und das Abbild einer Lilie mit in seine Ausstellung aufgenommen hat. Das heisst: Obwohl sich Juergens im Titel seiner Ausstellung auf eine klassische Bildgattung bezieht und sich damit der traditionellen Systematisierung der Bildthemen theoretisch zu unterwerfen scheint, weicht er in der Praxis dieser Ausstellung diese Gattungen eben auf, in dem er ein klassischerweise den Stilleben zuzuordnendes Bild mit in die Reihe der Portraits aufnimmt. Und das Ganze funktioniert auch andersherum: Einige seiner Portraits strahlen eine solch statuarische Ruhe aus, dass das Leben in ihnen tatsaechlich still zu stehen scheint. Still-Leben eigener Art also, hinter der das Wesen der Person, die urspruenglich Modell sass, zuruecktritt. Nicht immer ging es Juergens also um die Darstellung einer bestimmten Person und ihres Wesens. Vielmehr werden die Personen, die er abbildet, zu Traegern von Ideen, die durchaus auch ausserhalb der Modelle liegen. Ruhe ist z. B. eine solche dargestellte Idee, oder sogar - im Sinne von Juergens - ein Ideal. Keines der hier ausgestellten Bilder ist als Auftragswerk der Portraitierten entstanden. Stets ist der Maler auf seine Modelle zugegangen. Sein Interesse und nicht das der Modelle bestimmte die Bilder. Am Portrait einer Studentin, das im Nachbarraum haengt, merkt man deutlich, dass sein Interesse am Malerischen ueber die portraitierte Person hinausging, ja im Ergebnis sogar ueberhand gewinnen konnte. Ganz im Gegensatz dazu stehen das Portrait des aelteren Ehepaares Koppe und das ihrer Tochter, der Bauingenieurin Baerbel Koppe, in denen sich der Maler sozusagen der Kraft seiner Modelle ergeben hat. Wir stehen in diesem Raum sozusagen am Ende der Ausstellung. Erst hier offenbart sich der Maler in seinem Selbstbildnis. Waehrend er alle anderen Personen mindestens als Bueste, oft sogar als Ganzfigur zeigt, hat er fuer sich selbst eben nicht den Kopf, die Physiognomie abgebildet, sondern die Haende. Kunst beruht auf Handwerk, sagt er uns so. Die Sicht des Malers auf seine Bilder hat uns Juergens in seinem Ausstellungsfaltblatt an die Hand gegeben. Er schreibt "Wenn Farbe nicht nur Haut und Stoff, sondern auch zu Seele wird, dann habe ich die leere Flaeche besiegt", und beschreibt damit den Schaffensprozess aus seiner Sicht. Natuerlich koennen wir ihm mit dieser Beschreibung im Hinterkopf in seinen ausgestellten Werken dabei zusehen, wie und wo er diesen Sieg erringt, aber auch in welchen Faellen bisweilen die Farbe den Sieg davon getragen hat. Aber - wir bleiben bei dieser Betrachtung Aussenstehende, schauen sozusagen unbeteiligt auf Prozess und Ergebnis. Doch nur wenn wir nicht unbeteiligt bleiben, wenn bei der Betrachtung vor unseren Augen und in unserem Kopf etwas geschieht, werden die Bilder eine Wirkung entfalten, die ueber das Interesse des Malers hinausgeht. Dann malt Juergens nicht mehr vor allem fuer sich selbst. Im ersten Raum rechts finden Sie sechs ganzfigurige Portraits, die Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Nationalitaet zeigen. Zum zusammengehoerenden Zyklus werden diese sechs Bilder nicht nur durch die gleichbleibende Bildaufteilung und die gleichartige Hintergrundbehandlung, sondern vor allem durch den in allen Bildern am Kostuem der jeweiligen Frau erkennbaren Beruf. Sie alle sind in ihrer Berufskleidung als Prostituierte abgebildet. Unbestreitbar besteht darin auch ein gewisser voyeuristischer Blickfang. Doch Juergens hat diese Frauen nicht nur in ihrer Rolle, sondern vor allem auch in ihrer Persoenlichkeit kennengelernt. Wenn er sich dennoch dazu entschieden hat, sie in ihrer Rolle abzubilden, aber gleichzeitig postuliert, im Portrait das Wesen eines Menschen erkennen zu wollen, so besteht darin ein Widerspruch, der sich nur aufloesen laesst, in dem man den Zyklus als Verbildlichung einer Frage versteht, die sich jeder stellt, der eben nicht in diesem Milieu taetig ist. Naemlich die Frage: Wie behaelt man sein Wesen, wenn man etwas Wesentliches seiner Person, in dem Fall der Frauen eben ihre Sexualitaet, zur kaeuflichen Ware macht? Und formuliert man dies etwas allgemeiner, so merkt man ploetzlich, dass die Frage, die in diesem Zyklus gestellt wird, weit ueber die sechs Bilder hinausgeht. Manfred W. Juergens hat in verschiedenen Interviews mehrfach seine persoenliche Lebenssituation geschildert, aus der heraus er sich diesem Bildthema zugewandt hat. Dass er sich naemlich in einer persoenlichen Krise befand, im Dambecker Pfarrhaus aufgenommen wurde und diese Bilder zuerst dort getraeumt und dann - sozusagen mit dem Segen des Pastors - gemalt habe. Es gibt keinen Grund, an dieser Geschichte zu zweifeln. Und der Topos des "einsamen Kuenstlers am Scheideweg" in Verbindung mit der Kombination aus Pfarrhaus und Bordell ist so gut; dass sie zweifelsohne das Zeug zur kuenstlerischen Legende hat. Aber - vom Maler selbst zur Interpretation aufgefordert - sei es erlaubt, sich von dieser Geschichte zu entfernen. Ich denke, dem Hurenzyklus liegt eine viel grundsaetzlichere Frage zugrunde, die ueber die konkrete damalige Situation hinausweist. Es ist die Frage "Kann man etwas sehr Persoenliches oeffentlich verfuegbar machen und gleichzeitig sein Wesen bewahren?" Vor dieser Frage stehen nicht nur die Prostituierten in ihrem Tagesgeschaeft, sondern vielleicht auch ein Maler, der erstmals seine Bilder zeigt. Und so, wie der Maler fuer die Frauen die Frage bejaht hat, so koennte er es auch fuer sich und seine Bilder tun. Ich wuensche Manfred W. Juergens und seiner Ausstellung viel Erfolg. | ||