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Hamburg · Zum Silbersack · 2011
 
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 Ulrich Schnabel Manfred W. Juergens 
 

© Blessing Verlag 2011

Ulrich Schnabel - Musse - Vom Glueck des Nichtstuns

Der trendresistente Maler - Manfred W. Juergens

Kurzer Auszug aus dem Buch musse | Blessing Verlag
 

Das Gedraenge ist gross vor der Kneipe Zum Silbersack auf St. Pauli. Um die Ecke stehen die ersten Huren, wenige Meter weiter ist die Reeperbahn, ueberall laermende Nachtschwaermer, angetrunkene Jugendliche und verschaemt schauende Touristen. Doch im Silbersack draengen sich die Menschen heute Abend nicht wegen der Maedchen, der Musik oder des Bieres, sondern weil Manfred W. Juergens zur 1. Hamburger Ein-Bild-Ausstellung geladen hat.

Ganz hinten in der Ecke sitzt der Maler mit den roten Locken, schreibt seit Stunden Autogramme und strahlt uebers ganze Gesicht. "Unglaublich", ruft er durch das Stimmengewirr, "so etwas habe ich noch in keiner Galerie erlebt, alle zwei Stunden ein neues Publikum." Neben Juergens haengt die Chefin an der Wand, die Wirtin Erna Thomsen, grossformatig in oel und der echten Erna zum Verwechseln aehnlich. Denn Juergens malt so akribisch und lebensecht wie weiland Albrecht Duerer oder Hans Holbein. "Sachlicher Realismus" nennt sich dieser Stil. Im hektischen Kunstbetrieb des 21. Jahrhunderts wirkt er etwas anachronistisch. Doch Juergens ist das schnurz. "Kuerzlich meinte jemand, ich sei trendresistent", erzaehlt er lachend und wiederholt geniesserisch das Wort: "Trendresistent – stimmt genau."

Denn Juergens malt nicht nur so detailgetreu wie die alten Meister, er nimmt sich auch ebenso viel Zeit. Mit unendlicher Geduld traegt er Schicht um Schicht der (selbst gemischten) Farben auf. Bis zu zwoelf Stunden taeglich sitzt er mit Pinsel und Malstock vor der Leinwand, Monate vergehen, bis ein Bild fertig ist. So zu malen sei eigentlich "eine Frechheit dem Leben gegenueber" sagt Juergens mit froehlicher Selbstironie. Doch seine Frau Baerbel, eine Bauingenieurin, unterstuetzt ihn finanziell nach Kraeften. Und so darf der Maler nur auf die eigene Stimme hoeren. "Ich hoffe, nie in eine Situation zu kommen, um wegen des Marktes meinen Stil aendern zu muessen." Auch mit seinem Konzept der Ein-Bild-Ausstellung faellt Juergens aus dem Zeitgeist. Sein Gemaelde der Kuh Soraia praesentierte er auf einer Alp in der Schweiz. Zur Enthuellung auf 1900 Metern kamen Kunstfreunde aus aller Welt, Almbauern und das Modell selbst. Als Juergens die Kuh mit ihrem lebensgrossen Portrait konfrontierte, trottete diese auf die Leinwand zu und gab ihrem eigenen Abbild einen herzhaften Kuss*. Wer bei diesem beruehrenden Event dabei war, erzaehlt noch heute davon.

Wie anders wirkt Kunst dagegen in einer Galerie. Kuerzlich sei er im Louvre in Paris gewesen, erzaehlt Juergens und verzieht das Gesicht. "Schrecklich! Man steht in der beruehmtesten Gemaeldesammlung der Welt und die Leute nehmen sich ueberhaupt keine Zeit. Sie hetzen da durch, lassen sich schnell neben der Mona Lisa fotografieren und schauen sie sich nicht einmal an". Geradezu deprimierend sei das gewesen. Mit dieser Art von hektischem Kunstgenuss will er nichts zu tun haben.

Bei Juergens´ Aktionen dagegen wird niemand mit Eindruecken ueberfrachtet. "So viele entspannte Gesichter wie heute Abend habe ich noch nie vor einem Gemaelde gesehen", sagt Juergens und zeigt auf die froehliche Menge im Silbersack. "Die Leute nehmen sich Zeit zum Schauen, man redet mit einander, niemand ist im Stress, weil er meint, auch noch alle anderen Bilder sehen zu muessen." Dass die 86-jaehrige Wirtin Erna Thomsen persoenlich anwesend ist und man beim Bier mit dem Hamburger Original ins Gespraech ueber Kunst und Kneipengeschaeft kommen kann, erhoeht natuerlich den Charme des Abends. Denn Juergens hat ein Auge fuer die unscheinbaren Helden des Alltags, und er malt stets nur Menschen, die ihm persoenlich etwas bedeuten. "Fieslinge und Selbstueberschaetzer" lasse er nicht auf seine Leinwand, sagt er, fuer die uebrigen nimmt er sich jede Menge Zeit.

So geht es nie nur um Kunst bei seinen Ausstellungen, sondern immer auch um Begegnungen. Und weil Juergens schon alle moeglichen Typen gemalt hat – Grufties, Prostituierte, Schauspieler, Journalisten – und diese auch gerne immer wieder seinen Einladungen folgen, trifft man kaum irgendwo auf ein bunteres Publikum. Der Abend im Silbersack jedenfalls wird noch lang und hinterlaesst bei vielen Gaesten mehr Erinnerungen als so mancher Besuch in der Kunsthalle. Gut moeglich, dass der trendresistente Maler damit einen neuen Trend setzt.


Aus: Galerie der Muessiggaenger(innen) | Querdenker, Pausenkuenstler und Abwesenheitsexperten


* Zum Kuss der Soraia | Zur Ein-Bild-Ausstellung auf der Alp Wispile
Deutsche Welle TV, 06.01.2011 | Mit Manfred W. Juergens
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