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Hamburg · Zum Silbersack · 2010
 
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 Contemporary German Painter, Painters, Artists, Realist, New Realists, Realism Art, Painting, Realistic Portraits, Still Life Paintings, Arts, Fine Art, Manfred W. Juergens, Germany 
 
Opening

1st Hamburgian Single-Painting-Exhibition

Manfred W. Juergens
 

Guten Abend Werte Gaeste! Ich hoffe sie halten alle ein Getraenk in ihren Besucherhaenden.

Herzlich willkommen im Silbersack. Guten Abend Hamburg!

Ist es nicht schoen! Das Klangbild des Wortes Silbersack. Es aehnelt doch tatsaechlich dem von ‚Kunsthalle'. Deshalb herzlich willkommen in der schoensten Kunsthalle auf St. Pauli. Dort, wo grosse Galerien schlapp machen, oeffnen sich kleine Kneipen der Malerei. Der Direktor einer anderen, etwas groesseren Kunsthalle versprach vor einiger Zeit die Rueckkehr der Schoenheit in die Malerei. Oh, dachte ich, da mach ich doch mit. Deshalb malte ich meinen Freund Dirk Merbach. Das Portrait war im Verlagshaus der ZEIT im vergangenem Jahr zu sehen. Ein weiteres Ergebnis meiner Bemuehungen um die Schoenheit werde ich am heutigen Abend praesentieren. Danke Erna, dass wir heute hier bei Dir zu Gast sein koennen, um die Rueckkehr der Schoenheit in die Malerei zu feiern.

Mein Name ist Manfred W. Juergens. Ich bin Maler von Beruf. Also einer dieser Verstoerten, die einsam im Atelier rumhocken, irgendetwas Absurdes ausbrueten und oeffentlich darueber nicht reden koennen. Normalerweise bittet man als Maler deshalb bei Ausstellungseroeffnungen einen weit bekannten, gut gekleideten, belesenen und moeglichst promovierten Kunstwissenschaftler um oeffentliche Lobpreisung des eigenen Schaffens. Aber heute moechte ich es erneut allein versuchen. Erleben Sie nun meine gnadenlose Hilflosigkeit.

Erna Thomsen, die Inhaberin dieses Lokals, widmete sich erstmals in den 50-er Jahren bewusst der realistisch figurativen Malerei. Der Kunstmaler Mielke, nicht zu verwechseln mit gleichnamigem Polit-Strolch, kam damals in diesen Laden und schlug vor, die Waende mit Bildern zu verschoenern. Seine Arbeit begann morgens ab 4 Uhr mit zwei doppelten Cola-Rum; mit entsprechendem Nachschub wurden wahre Kunstwerke erschaffen, die, wie zu sehen ist, noch heute diese Lokal schmuecken.

Den Silbersack besuchte ich laut Abendblatt erstmals vor acht Jahren. Seitdem brachte er mir viel Glueck. Hier lernte ich interessante Menschen aus allen sozialen Schichten kennen. Klein- und Grosskriminelle, Huren, Banker, Trinker. Hier ergab sich 2004 meine spaetere Venedig-Ausstellung. Hier floss in mich die Idee, Erna zu portraitieren. Das ist acht Jahre her. Erst durch Nils C. Freytag, der hier viele Jahre als Bueffettier taetig war, gelang es vor zwei Jahren, Erna von der absoluten Notwendigkeit eines oel-Portraits zu ueberzeugen. Als ich bis vor eineinhalb Jahren hier um die Ecke wohnte, gewann ich ebenso wie einst Maler Mielke den Eindruck, dass der Silbersack auf meine Malerei eine nicht enden wollende positive Wirkung ausuebt.

Ich werde oft gefragt: Warum hast Du Erna gemalt? 1992, auf dem glueckseligen Heimweg nach meinem ersten Silbersack-Besuch, sagte ich zu meiner Frau: "Hast Du Erna beim Tschuess-Sagen in die Augen gesehen? Diese Dame muesste man malen. Inklusive des Universums namens Silbersack." "Wie Bitte?" erwiderte sie. "Die ganzen Wimpel und Flaschen auch?" "Ja, doch!" Ich hatte den Eindruck: Da hat jemand fuer uns seine Zeit aufgehoben. Vor derartiger Konsequenz habe ich nach wie vor sehr grossen Respekt. Und da ich starke Frauen liebe, habe ich Erna vor Begeisterung gemalt. Erna ist seit 61 Jahren Kapitaen auf ihrem Schiff namens Silbersack. Dass das Ganze etwas mit einem Schiff zu tun hat, sehen wir auch an der Reling. Sie schafft Distanz zwischen uns trunkenen Matrosen und dem Kapitaen. Sie gab auch mir auf der Aussenbordseite dieses Schiffes oft Halt auf meiner Fahrt durch die Nacht.


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In einem Buch, mit einer Praegung aus purem Silber, schrieb vor elf Jahren ein Mensch, dessen Werk ich schaetze und liebe, folgende Buchstaben hinein: "Da war etwas uebriggeblieben, ein Inselchen, eine kleine Kneipe mitten in St. Pauli, die man vergessen hatte zu renovieren, der noch nicht der Charme ausgetrieben war und die von Zeiten erzaehlte, als hier Fischkutter- und Walfaengerbesatzungen, Seeleute aller Art verkehrten, ihre Heuer versoffen, sich mit Landratten oder Matrosen pruegelten und Lieder von Liebe und Sehnsucht und Vergehen sangen. Heute tut das noch die Musikbox. Die schoenste ganz Hamburgs. Irgendwann habe ich dann auch Ernas Thomsen kennengelernt, die Begruenderin und Grande Dame dieses 'Etablissements', das sehr laut war und doch traeumte, wo taetowierte Ziehharmonikaspieler auf den Tischen sangen, unglueckliche Damen sich am Tresen mit Weinbrand betaeuben und Bedienungen im weissen Drogeristenkittel schwitzend Bier und Schnaps balancieren. Erna hat den Silbersack mit ihrem Mann kurz nach dem Weltkrieg aus dem Truemmerboden gestampft. Sie hat ihn mit Umsicht, Mut und Charme geleitet. Und sie tut es heute noch. Ich glaube, es ist das Geheimnis dieser kleinen Kneipe, dass ein Mensch dageblieben ist, ein halbes Jahrhundert lang treu war. Darum ist diese kleine Insel, die dem steten Fluss der Veraenderung hartnaeckig getrotzt hat, kein Bums, sie ist ein Kunstwerk." So aeusserte sich gleich hinter der Bierdeckelseite im Silbersackbuch zum 50-jaehrigen Bestehen der Gaststaette Wein- und Bierkenner Ulrich Tukur.

Warum eine Ein-Bild-Ausstellung? Unser modernes Leben ist vollgepackt mit ueberhoehter Geschwindigkeit. Wie unnuetz, denn es geht uns der Sinn fuer das Detail, in dem viel Liebe und Interessantes steckt, verloren. Ja, ich liebe das Detail in der Malerei, wenn der ueberblick ueber die Inszenierung, die Komposition, erhalten bleibt. In einer Welt der chronisch gewordenen ueberinszenierung sehen wir taeglich nicht nur viele tausend Fotos. Alles flackert ueberfluessig vor sich hin. Bilder, die sich permanent und kurzweilig gegenseitig ueberschuetten und erschlagen. Es gibt keine Nachhaltigkeit. Und da ich diese Reizueberflutung nicht mitmachen moechte, gibt es am heutigen Abend in dieser Kunsthalle nur ein Bild zu sehen. Das Portrait von Kapitaen Erna Thomsen, der Grande Dame dieses Etablissements.

Warum in dieser aufwendigen altmodischen Technik, die sie gleich sehen werden? Ich bin eine alte Seele. Alles, was zu schnell geht, empfinde ich als gefaehrlich. Um etwas zu begreifen, brauche ich mehr Zeit als andere. Da ich das als Normalitaet empfinde, habe ich sehr viel Geduld gegenueber einer Sache. Es gibt ein Video von Jana Wilhelm und Pavel Lavrov ueber dieses Bild. In dem behaupte ich tatsaechlich zu Beginn des Portraits, dass das Bild drei Monate an Zeit in Anspruch nehmen wird. Wie naiv ist das denn bitte? Neun Monate hat es gedauert.

Gestatten Sie mir abschliessend einige wenige Worte zum Sachlichen Realismus, den ich vertrete. Realismus ist aus meiner Sicht natuerlich kein naturalistisches Abbild der Wirklichkeit. Es ist kein Abmalen. Und es ist nicht einfach Dokumentation, sondern ganz individuelle Reflexion und sehr individuelle Interpretation. Viele glauben, dass ein Foto den gleichen Informationsgehalt wie ein gemaltes Bild hat. "Das sieht ja aus wie fotografiert" ist fuer mich das groesste Missverstaendnis, das ich erfahren kann. Ich arbeite beruflich auch als Fotograf, aber das, was hier gleich zu sehen sein wird, ist nicht besser oder schlechter als Fotografie, sondern es ist ganz einfach eine voellig andere Sprache als die der Fotografie. Wenn eine Bildidee ueber das Auge die Seele durchstroemt und ueber den Pinsel auf der Leinwand neu Formulierung erfaehrt, dann ist das nicht wie Fotografie. Dann ist das Abstraktion, wie jede Art der Malerei! Auch die des Realismus. Der Realismus, den ich meine, basiert auf dem Handwerk der Renaissance und versucht die Sprache der 20-er Jahre des vergangenen Jahrhundert weiter zu entwickeln. Moden und Trends interessieren mich nicht. Das verweht zu schnell im Wind der Fluechtigkeiten. In einem Blog von Oskar Piegsa las ich vorgestern, dass Erna und ich trendresistent sind. Welch schoenes Wort. Ich kannte es nicht. Aber es beschreibt unsere Lebensphilosophien recht treffsicher.

Was wuenscht sich ein Maler zum Schluss fuer sein Bild, fuer den Abend und natuerlich fuer sein Modell? Ich wuensche mir, dass diese Bildtafel, das Tafelbild von Erna Thomsen, in der Lage sein wird, ein wenig sinnlichen Genuss zu vermitteln. Von nun an ist dieses Bild ein eigenstaendiges Wesen. Aber es ist noch ein Kind. Es braucht meinen Schutz. Und deshalb wird es in dieser Nacht nach Hause ins Atelier zurueckkehren und nicht verkauft. Warum sollte ich mein Kind verkaufen?

Ich wuensche Erna ein langes Leben und ganz, ganz viel Gesundheit. Danke, Erna, dass ich Dich malen durfte!

Bevor ich Ihnen und Euch meine Bildtafel zeige, bitte ich um ein Rudel-Foto fuer meine Website.

Und noch etwas: Herr Carlsberg hat eine Tochter. Diese traegt den Namen Holsten. Die Familie Holsten hat ebenso eine Tochter. Diese traegt den Vornamen ASTRA mit Nachnamen Brauerei. Ich darf verkuenden, dass die Enkeltochter von Herrn Carlsberg uns am heutigen Abend mit einer Sachspende am Tresen unterstuetzt. Hierfuer sei auch Opa Carlsberg ganz herzlich gedankt. Und im Voraus ein Dank an die heutige Thekenmannschaft, Axel, der auch auf dem Bild zu finden ist, und an Micha und Alex. Und ein Dank auch an Thomas fuer die Hilfe beim Transport.

Vielen Dank fuer Ihre und Eure Aufmerksamkeit. Und nun endlich zum Tafelbild. Sehen Sie selbst! Ich wuensche einen guten Abend mit interessanten Gespraechen.




DANKE ASTRA!
DANKE ERNA!