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Hamburg · Zum Silbersack · 2010 |
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25. August 2010 | Hamburger Abendblatt | Diana Zinkler
Bild mit SeeleDas Sparschwein auf dem Tresen ist von Ole von Beust. Das ist jetzt schon elf Jahre her. Damals hat er es Erna Thomsen zum 50. Silbersack-Jubilaeum geschenkt. "Seitdem ist Ole aber kaum noch da gewesen", sagt die kleine Frau hinterm Tresen. Zwischen dem Schwein und heute war von Beust neun Jahre lang Hamburgs Buergermeister. "Frueher war er oft hier, aber jetzt wuerden ihn zu viele Leute ansprechen. Das hat er nicht so gern", sagt Erna Thomsen, ebenjene Frau hinterm Tresen, Inhaberin und Gastwirtin der Kneipe Zum Silbersack, in der Silbersackstrasse, nahe der Reeperbahn, auf St. Pauli. Sie steht hier, nicht direkt in der Mitte des Tresens, sondern vom Betrachter aus gesehen etwas weiter links, weil sie dort besseren Zugang zu den hinteren Raeumen hat. Seit 61 Jahren. Gerade, aufmerksam, immer mit etwas Rotem bekleidet, stetig. Neun Jahre oder elf sind da nur eine Episode. Zeit ist maechtig im Silbersack. Vor acht Jahren kam Manfred Wilfried Juergens zum ersten Mal in die Kneipe, nach einem Besuch im St.-Pauli-Theater. Stand vor der Theke und sagte zu seiner Begleiterin: "Wahnsinn. Die Frau. Die will ich malen." Ihr Blick, ihre Ruhe, ihr Alter. Alles sehr beeindruckend fuer einen Neuling, der er damals war. Doch mit dem Blick des Kuenstlers sah er noch mehr. Eine Vision, eine Matrone, eine Ikone. Endlose Zeit, makellos. Rot, papstrot. Die Seele der Kneipe. Was sind schon vier Stunden im Mittelpunkt gegen ein ganzes Leben Heute, wieder an einem Abend, steht eine Ausstellung bevor. Die erste Hamburger Ein-Bild-Ausstellung: "Das Portrait Erna Thomsen des Malers Manfred W. Juergens". Morgen, am Donnerstag, wird das Bild fuer vier Stunden, von 20 bis 24 Uhr, im Silbersack, an der rechten Wand, ueber einem der mittleren Tische, ausgestellt sein. Angestrahlt mit Scheinwerfern, damit die Farben auch gut leuchten und Erna Thomsens Augen mit ihrem durchdringenden Blick vom Bild aus den Laden ueberschauen koennen. Fuer vier Stunden gibt es dann zweimal Erna Thomsen im Silbersack. Portraet, Abdruck der Seele, wie Kuenstler sagen, und das Original. Aber was sind schon vier Stunden. Nicht mal eine Nacht. Es gibt Gaeste, die kommen um 17 Uhr und gehen am Morgen um fuenf. Trinken Bier, fuer 1,90 Euro die Flasche. Dazwischen mal was Haerteres. Reden, kuessen, umarmen sich, finden sich schoen, verziehen sich zum Fummeln nach draussen oder auf die Toilette, um dann da weiterzumachen, wo der letzte Drink stand. Reden weiter im Nebel des Zigarettenqualms. Rauschen durch die Stunden, in denen man sie vielleicht schon zu Hause erwartet haette. Erna Thomsen steht heute mit 86 Jahren nicht mehr die ganze Nacht am Tresen. Hoechstens mal drei Stunden. Rente mit 67 wirkt hier laecherlich. Manchmal zieht sie sich zurueck in ihre Wohnung oder auch nur auf den Platz in der Bank in der rechten Ecke. Wieder ein Platz mit ueberblick. Sie sitzt da und trinkt Wasser mit wenig Kohlensaeure. "Bier habe ich in meinem Leben noch nicht eins getrunken. Eher mal ein Glas Sekt, einen Eierlikoer oder ein Glas Champagner." Die Flasche kostet 90 Euro im Silbersack, wird nicht haeufig verlangt. Aber auch. Es ist 20.52 Uhr, die Musikbox, die schoenste von ganz Hamburg, wie Stammgast und Schauspieler Ulrich Tukur ihr zum 50-jaehrigen Bestehen der Kneipe einst versicherte, spielt "Mendocino", gesungen von Michael Holm. Es ist die Nummer 154 und der Tresen ist schon besetzt mit einer Gruppe aus Koeln. Am Tisch am Eingang sitzt ein Paar aus Sueddeutschland. Er, Mitte 50, elegant in Blazer und sie ganz in Weiss. Die beiden staunen, weil die Koelner schon kurz vor 21 Uhr zu tanzen beginnen, erst Paartanz, dann im naechsten Lied schunkeln und singen: "En unserem Veedel" von Blaeck Foeoess. Ist nicht hamburgisch, aber Erna Thomsen sind solche Sachen egal, sie wuerde nie sagen: Gehoert sich nicht oder zumindest nicht hierher. "Ich freu mich, wenn gefeiert wird." Sie sagt das ernst. Denn wer feiert, trinkt, und das ist gut fuers Geschaeft. Egal ob nun Student, Geschaeftsmann, Schauspieler oder Tourist. Bier habe ich in meinem Leben noch nicht eins getrunken. Eher mal ein Glas Sekt, einen Eierlikoer oder ein Glas Champagner. Erna Thomsen, Gastwirtin. Auch, und das ist eine alte Geschichte, die sie eigentlich gar nicht preisgeben will, dass einer wie Filmstar Hans Albers nicht immer zahlen wollte. "Nur wenn er betrunken war, sonst immer." In den 50er-Jahren, den Anfangsjahren des Silbersacks, trank er hier regelmaessig, stand meist rechts am Tresen mit Bier und Schnaps. "Luett und Luett", 0,1 Bier und 1 Kuemmel, fuer 45 Pfennig waren beliebt. Es war die Zeit, in der in den Toilettenraeumen noch Lippenstifte, Strumpfhosen, Kondome und verbotenerweise auch Pornohefte verkauft wurden. In welcher der Silbersack 30 Angestellte hatte und die Crew zwecks Betriebsausflugs im Jahr 1951 nach Ratzeburg fuhr, durch den kleinen Ort spazierte und "Aber eins, aber eins, das bleibt bestehen, der Silbersack wird niemals untergehn" sang. Damals war ihr Mann Friedrich noch dabei. Zusammen eroeffneten sie am 25. Juni 1949 den Silbersack. Nach dem Krieg lagen viele Gebaeude in Hamburg in Truemmern und an eine Flaeche zu kommen war schwer. Das Grundstueck an der Silbersackstrasse konnten sie zunaechst pachten und bauten dort ein Holzhaus. Das Material bezahlten sie dem Foerster in Naturalien. "Ich glaube, er hat damals einen Eimer Honig und ein Fahrrad bekommen", erinnert sich Erna Thomsen. Ein Holzhaus ist die Kneipe heute noch immer, nur spaeter wurde sie ummantelt mit Stein. Erna Thomsen klopft an die Vertaefelung des Lokals, wie um zu beweisen, dass alles immer noch so ist. Fest steht. Ihr Mann starb 1958 an Krebs. Sie blieb zurueck, mit drei Kindern. Uwe, Gerd und Heidrun. Haben Sie nicht daran gedacht, aufzuhoeren? "Nie. Ich hatte ja drei kleine Kinder." Erna Thomsen schuettelt den Kopf. "Frueher galt doch: Vogel friss oder stirb. Da gab's nichts anderes." Unterstuetzung wie Sozialhilfe haette sie nicht beantragt. Sie hatte doch die Kneipe. Und die Kinder lebten, bis sie zehn Jahre alt waren, auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Rethen bei Braunschweig. Von dort kam auch der Honig, mit dem sie in den Nachkriegsjahren das eine oder andere tauschen konnten. Die Koelner hoeren jetzt "Die Karawane zieht weiter" von De Hoehner. Es ist 21.15 Uhr und die Stimmung ausgelassen. An einem Wochentag. Erna Thomsen blickt zufrieden. Vergaenglichkeit und Zeit koennen dem Silbersack nichts anhaben. Auch Hildegard Knef besuchte den Silbersack. Der franzoesische Film "Das Maedchen aus Hamburg" von Regisseur Yves Allégret wurde hier gedreht und feierte 1958 im Passage-Kino Premiere. Hildegard Knef war das Maedchen. In der Kneipe fiel sie auf, weil sie so stark geschminkt war. Im oelbild vom Maler Juergens stehen Blumenvasen auf der Theke, einige Rosen lassen den Kopf haengen, sind verwelkt. Erna Thomsen daneben steht aufrecht. Juergens sagt: "Die Blumen stehen fuer die Vergaenglichkeit und den Tod, den ich auch immer in meine Bilder einbringe." Doch Vergaenglichkeit und Zeit scheinen etwas zu sein, das Erna Thomsen und dem Silbersack nichts anhaben kann. Unveraendert wummert jeden Abend die Musik auf die Silbersackstrasse, wo es frueher einen Baecker gab, zwei Blumenlaeden und zwei Friseure. Eine kleinbuergerliche Vorstellung, die mit der Gegenwart der Strasse nichts mehr zu tun hat. An der Ecke zur Reeperbahn lockt das Erotic Laufhaus mit Erotic Lifestyle auf 400 Quadratmetern. Hat es Sie nie gestoert, dass es in der Nachbarschaft Prostituierte gibt? Erna Thomsen lacht, vielleicht das erste Mal heute Abend. "Nein, ich habe damit ja nichts zu tun." Hat es denn nie wieder einen Mann gegeben? "Nein, mit drei Kindern heiratet man nicht mehr." Und sie fuegt zufrieden hinzu: "Antraege gab es." Sechs Jahre lang ist Manfred W. Juergens immer wieder in den Silbersack gekommen, bis Erna Thomsen ihm den Zuschlag gegeben hat, Modell zu stehen. "Eigentlich hat das auch Nils, eine der Thekenkraefte, eingefaedelt. Er sagte zu Erna eines Abends: ‚Erna, du koenntest dich doch auch mal malen lassen.' Woraufhin sie nur leise antwortete: ‚Ja.'" Dann fotografierte Juergens die Theke und Erna Thomsen. Fertigte Skizzen, waehrend die Wirtin brav posierte. An dem eigentlichen Bild malte Juergens neun Monate. "Die Technik ist 500 Jahre alt, wie in der Renaissance trage ich zwoelf Schichten auf. Aber der Stil orientiert sich an der Neuen Sachlichkeit der 20er-Jahre", erklaert Juergens, waehrend ihm Erna Thomsen zuhoert. Dann sagt sie: "Wenn ich gewusst haette, wie lange das dauert, haette ich nicht Ja gesagt." Das ist kein Vorwurf, eher eine uneitle Feststellung. In den 50er- und 60er-Jahren boomte der Silbersack. Die 70er waren schwerer. Der Nachholbedarf war gedeckt. Es wurde weniger getrunken. Autos wurden gekauft, Familienvaeter sparten fuer den Urlaub, das Gehalt gab es inzwischen nicht mehr direkt in die Lohntuete, sondern aufs Girokonto, da war es sicherer vor dem Feierabend. Zudem wurden Fischfangzonen eingerichtet und Hamburger Reedereien wie Cranzer und Pickenpack gaben auf. Als Folge wurden viele Seeleute arbeitslos. Der Umsatz ging merklich zurueck und Erna Thomsen musste Mitarbeiter entlassen. Die Stimmung aber blieb gut und im Silbersack wurde weiter gefeiert. Die Band The Jeremy Days, deutsche Pop-Helden der spaeten 80er-Jahre, feierten hier 1990 eine Party, nachdem sie monatelang in London eine Platte aufgenommen hatten. Die Szene von damals lud ein. Unter den Gaesten waren auch der Avantgarde-Saenger Philipp Boa und der Ex-"Tempo"-Chefredakteur Markus Peichl. Und natuerlich finden sich im Gaestebuch von Erna Thomsen auch weitere Namen wie Heiner Lauterbach, Domenica, Ottfried Fischer ("Das ist meine Lieblingskneipe!") und Theater Star Eva Mattes. Nun wird mit dem Bild von Manfred W. Juergens die Gastwirtin Erna Thomsen selbst zu einer wichtigen Person. Wie finden Sie das? "Ich weiss nicht", sagt sie, "es wird ja nicht so lange dauern." Aber wenn so viele Leute kaemen, werde wenigstens viel Geld in das Sparschwein von Ole von Beust gesteckt. Das Geld spendet sie fuer die Kinder des Stadtteils St. Pauli. Ausserdem wird ein Team vom "Hamburg Journal" filmen. Auch Ulrich Tukur ist eingeladen, Corny Littmann, Otto Waalkes und sogar Freddy Quinn. Sein Lied "Junge, komm bald wieder" ist einer von Erna Thomsens Favoriten. Sie kennt die Nummer 148 auswendig. Auf dem Bild thront Erna Thomsen wie ein Kapitaen an der Reling. Vielleicht wird sie sich morgen hinter ihren Tresen stellen. Der schon immer wie eine Grenze zwischen ihr und ihren Gaesten funktionierte. Ein Schutzwall vor Zudringlichkeiten und zu viel Privatem. 22.13 Uhr, die Koelner Gruppe wankt raus. Zwei Schweizer auf der Suche nach der "bestimmten Strasse" kommen rein. Hans Albers und Hildegard Knef sind tot, Erna Thomsen ist noch da. Manfred W. Juergens glaubt jedenfalls daran, dass sie alles meistern wird. "Erna Thomsen ist eine starke Frau. Deswegen habe ich sie auch gemalt." 61 Jahre, in denen Hans Albers gestorben ist, so wie Hildegard Knef und Domenica. Die Band The Jeremy Days nicht mehr beruehmt ist und in denen ihr Saenger Dirk Darmstaedter mit Glueck noch mal im Vorprogramm auftritt. Ole von Beust Buergermeister wurde und wieder abtrat. Wollen Sie nicht langsam auch Ihre Ruhe, Frau Thomsen? "Wenn man 61 Jahre lang hier gearbeitet hat, kann man sich nicht einfach vor den Fernseher setzen." Und wen wuerden Sie hier noch gern als Gast begruessen? "Helmut Schmidt. Das war der beste Bundeskanzler. Wenn der kommt, dann stelle ich ihm einen Aschenbecher hin." Und ganz vielleicht spielt dann die Musikbox die Nummer 148. Ausstellung in der Kneipe Vier Stunden lang wird der Maler Manfred W. Juergens am morgigen Donnerstag sein Portraet von Erna Thomsen in der Kult-Gaststaette Zum Silbersack, Silbersackstrasse 9, auf St. Pauli zur Schau stellen. Von 20 bis 24 Uhr. Das Modell und der Maler sind anwesend. Das Bild ist in oel und Eitempera in zwoelf Schichten auf Leinwand auf Holz gemalt und hat die Masse 1,37 Meter mal 1,72 Meter. (diz)Foto: Macelo Hernandez | www.marcelo-hernandez.de |
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Nr. 210 August 2010
AUSSTELLUNG KurzDiese Ausstellung ist ideal fuer Kulturmuffel: Gezeigt wird nur ein Bild und das nur einen Abend lang. Toll auch, dass man sich nebenbei etwas zu trinken bestellen kann. Denn der Hamburger Maler Manfred W. Juergens zeigt sein Portrait der legendaeren Silbersack-Wirtin Erna Thomsen in der Kult-Kneipe. Beide werden anwesend sein. Das Modell wird vielleicht die eine oder andere Anekdote aus 60 Jahren hinterm Tresen zum Besten geben. Zum Silbersack, Silbersackstrasse 9, Donnerstag, 26.8.2010, 20-24 Uhr, Eintritt frei www.hinzundkunzt.de | ||