Esposizione | Wismar 2012 – Inaugurazione

Blick von St. Marien auf Wismar und das Baumhaus am Alten Hafen

Der Bürgermeister

27.4.2012

Der Maler

27.4.2012

Zwei Antworten

27.4.2012

Die Enthüllung

27.4.2012





Eröffnung

Thomas Beyer, Bürgermeister der Hansestadt Wismar · 27.04.2012


Wismar Ausstellungen, Manfred W. Jürgens, Baumhaus Wismar, Realistische Malerei, Neuer Realismus, HWI MWJ

Meine sehr verehrten Damen und Herren!


Es hat für mich so etwas wie Vertrautes, wenn ich nun bereits zum dritten Mal eine Ausstellung mit Tafelbildern von Manfred W. Jürgens eröffnen darf. Bilder und Künstler kehren nach Wismar zurück, so als gehörten sie immer hierher. Dieser Eindruck, dieses Gefühl ist ja nicht unbegründet: Hier im Baumhaus konnten wir überhaupt die allererste Ausstellung von Manfred W. Jürgens erleben. Das war im Jahr 2001. Einige von Ihnen werden sich an die Hurenbilder erinnern, Liebesarbeiterinnen gemalt wie Fürstinnen.

Hier war er wiederum 2006 mit der Ausstellung Neuer Realismus. Nun kehrt er, der seit einigen Jahren mit seiner Frau in Hamburg lebt, im Jahr 2012 mit seinen Bildern zurück.

Ich könnte verführt sein – alle guten Dinge sind drei – zu sagen, das hätte aber den Hauch des Abschließenden, das ist gar nicht gewollt. In 5 oder 6 Jahren würde ich den Künstler mit seinen Arbeiten gern hier im Baumhaus wiedersehen.

Für Manfred W. Jürgens selbst, so sagte er mir gestern, ist es jedenfalls auch so etwas wie die Rückkehr nach Hause. Die Orte, die das Zuhause für ihn in Wismar darstellen, sind nicht etwa die unterschiedlichen Orte seines Wohnens, sondern eher die der Begegnungen, intensivster – ja auch manchmal wein- oder bierseliger Begegnungen - wie es z. B. der Schlauch oder die Italienische Gaststätte Rialto und eben auch das Baumhaus sind!

"Nicht zu vergessen ist das Büchereck Pusch" fügt der Maler, kurz unterbrechend, schmunzeld hinzu.

Was hat sich seit 2006 verändert, wie hast Du Dich verändert, fragte ich den Künstler gestern? Gar nicht habe ich mich verändert, kam es wie aus der Pistole geschossen. Ich bin vielleicht krummer und dicker geworden, aber sonst, nein, ich bin immer noch der Gleiche und er setzt hinzu, dass er nach wie vor Detailversessen sei, den großen Künstlern immer noch auf der Spur, um herauszubekommen, wie sie manches in ihren Bildern hinbekommen hätten und damit will Jürgens seine Technik weiterentwickeln. Er genießt seine Malerei als besondere Form der Freiheit. Und, jemand hätte einmal gesagt, er sei ein trendresistenter Maler. Diesen Satz findet er zutreffend. Er jedenfalls genießt es, in schnelllebiger Zeit so langsam zu malen!

Meine Damen und Herren, die Räume hier im Baumhaus sind unterschiedlichen Themen zugeordnet. Sie finden einen Raum mit Portraits von Freunden, z. B von Erna, der ältesten Wirtin in Hamburg, die Frau, bei der ich am liebsten trinke, sagt Jürgens. Schauen Sie sich das Bild von Erna in der Kneipe Silbersack an und entdecken Sie die vielen Bilder im Bild!

Wenn Sie von diesem Raum zurückkommen, durchschreiten Sie den Kuhstall. Kuh Soraia ist dort zu sehen und eine Fotografie von der ersten Einbildausstellung des Künstlers in der Schweiz. Das Gemälde von Soraia begegnet der Kuh leibhaftig und sie küsst ihr Abbild. Dann finden Sie einen Raum mit Stillleben. Nicht nur hier wird unverkennbar, dass Manfred W. Jürgens Bilder Geschichten erzählen, denke ich nur an das Simenon-Bild, Simenon, das sei in Erinnerung gerufen, ist der Verfasser der Kommissar Maigret-Romane. Sie sehen auf dem Bild eine leere Rotweinflasche, vier Korken, ein unverkennbar benutztes Messer, ob es Blut ist an dem Messer?.... und Sie sehen einen angeschnittenen Käse. Und natürlich sehen wir noch viel mehr und sehen vor allen Dingen wahrscheinlich jeder seine eigene Geschichte hinein.

Aufmerksam möchte ich Sie auch auf das Rübenbild im Eingangsbereich, mein LPG-Bild, sagt Jürgens, machen. Schauen Sie auf die braune Erde, entdecken Sie Panzer, die er dort versteckt hat, Stahlhelme, Teddys - alles was in der Geschichte so liegen bleibt - sinniert der Künstler und er setzt hinzu – "ich weiß nicht, was das bedeuten soll, ich habe gemalt, was aus dem Unterbewusstsein kam".

Und der Raum, in dem wir hier stehen? Hier zeigt der Künstler Leute, aus dem Theater oder die er im Theater kennen gelernt hat. Dazu wird er selbst nachher noch etwas sagen, zumal einige dieser Leute heute auch hierher zur Ausstellungseröffnung gekommen sind.

Der innere Kanon auch dieser Ausstellung, meine Damen und Herren, damit wiederhole ich mich, dieser innere Kanon der Arbeit von Manfred W. Jürgens ist mit einem Wort zu umschreiben: Würde oder Ehrfurcht vor der Schöpfung. Das gilt für Mensch, Tier und Möhre gleichermaßen.

Dass der Künstler nebenbei die alte Kunst der Fabel, z. B. mit dem Hahn, ebenfalls in dem Raum im Eingangsbereich, der den Eingang zur berühmten Hamburger Herbert-Straße bewacht, wieder aufleben lässt, unterstreicht, dass er menschliches Auftreten, meinetwegen auch männliches Auftreten, tierisch gut darstellen kann.

Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu dieser Ausstellung, herzlich willkommen sage ich auch Manfred W. Jürgens und seiner Frau Barbara Koppe. Lieber Manfred, du bist mit deinen Bildern wieder einmal zu Hause angekommen und ich bin froh, eine solche Ausstellung eröffnen zu dürfen. Vielen Dank!








Die Rede die nie gehalten wurde

Manfred W. Jürgens · 27.04.2012


Wismar Ausstellungen, Manfred W. Jürgens, Baumhaus Wismar, Realistische Malerei, Neuer Realismus, HWI MWJ

Die gut besuchte Ausstellungseröffnung erforderte spontan Persönliches und mehr Unterhaltung. Somit knüllte ich meine kleine Rede zusammen. Sie landete vorerst in meiner Hosentasche und später in der Wäsche. Hier der einst geplante Text.


Guten Abend werte Gäste!

In diesem Haus präsentierte ich 2001 meine erste Ausstellung. Der Anstoß dazu zu kam damals von Michael Kiene vom Kulturamt dieser Stadt. Die Einladung zur heutigen dritten Baumhaus-Präsentation verdanke ich Thomas Beyer.

Wismar. In dieser Stadt kenn ich mich aus. In dieser Stadt war ich einst zu haus. Zehn Jahre lebte ich hier. Dann wehte es mich vor fünf Jahren nach Hamburg.

Die Jahre verfliegen und ich bin immer noch Maler. Was ist das schon! Vielleicht ist der Ursprung für alles Musische ganz einfach nur die Fähigkeit zum Staunen. Der verschwenderisch sorgfältige Umgang mit dem Detail ist für mich nicht nur ein nicht versiegen wollender Genuss, sondern und vor allem Meditation und grenzenlose Freiheit. Ich nehme mir die Freiheit heraus, Details zu benennen und schaffe Freiräume für unterschiedliche Interpretationen.

Das Gestaltlose langweilt mich zutiefst. Meine Ideen schöpfe ich aus der Zufälligkeit von Erlebnissen im Alltag und aus Träumen. Theater, Musik, Literatur und Fotografie begleiten mich. Daraus etwas Eigenes zu schaffen ist Lebensfreude. Zeit ist dabei ein großartiges Material. Die Malerei gibt mir die Möglichkeit, die Welt etwas besser zu verstehen.

Sie erscheint mir als eine nicht enden wollende leise Recherche über unser menschliches Sein und ist für mich somit Detektivarbeit. Mich interessieren Themen wie Erblühen und Vergehen, die ich nicht erfassen kann.

In einer Welt der chronisch gewordenen Überinszenierung bin ich auf der Suche nach dem Konkreten, nach Ruhe und Präzision in schonungsloser Klarheit. Realistische Malerei ist aus meiner Sicht natürlich kein naturalistisches Abbild der Wirklichkeit. Es ist kein Abmalen. Und es ist nicht einfach Dokumentation, sondern Reflexion und sehr individuelle Interpretation.

Die höchste Form von Genuss ist die ohne Wertung.

Moden und Trends interessieren mich nicht. Diese vergehen zu schnell im Wind der austauschbaren Flüchtigkeiten. Ich folge nicht den Erfordernissen des Kunstmarktes, sondern nur meiner inneren Stimme. In jeder Malerei gibt es trotz aller Planung Dinge, die sich jenseits des Bewusstseins verselbstständigen und Einfluss auf Inhalt und Form nehmen. Es ist eine große Freude, wenn ein Bild den Maler lenkt. Die Auseinandersetzung mit jeder neuen Tafel verändert mich. Meine Bilder überraschen mich immer wieder. Sie machen mich ratlos und sagen mir: Du bist und bleibst ein Lehrling. Mich treibt der ewige Selbstzweifel. Permanent stoße ich auf meine Unfähigkeit. Trotzdem oder vielleicht deshalb kommt es stetig zu neuen Bildtafeln.

Malerei ist harte Sklavenarbeit und zugleich freizügig selbstbestimmtes Theater auf eigener Bühne. Das Leben ist schön. Ja, auch als Maler. Der Erfolg ist nicht das Vergnügen, sondern die tägliche Herausforderung im Atelier ist es. Die permanente Unzufriedenheit mit den eigenen Bildern lässt mich hoffen, dass mir eines Tages ein Bild gelingt.








Wer sind die Damen?

Manfred W. Jürgens · 27.04.2012


Wismar Ausstellungen, Manfred W. Jürgens, Baumhaus Wismar, Realistische Malerei, Neuer Realismus, HWI MWJ

Zum Tafelbild 'Uta'

Dieses Bildnis hat seinen Ursprung im Hamburger St. Pauli Theater. Ich sitze im Publikum, warte auf den Beginn des Programms. Meine Blicke schweifen, scannen prominente Gesichter. Doch dann - Wer ist das? Ich stoße leise meine Frau an. Guck mal, dort die Braut mit den Totenkopf-Tattoos und den ewig langen glatten Haaren. Die spontane Antwort: Dann frag sie doch!

Nach dem Programm überreiche ich ihr aufgeregt meine Maler-Visitenkarte. 'Es wäre schön, wenn ich Sie portraitieren könnte', stammle ich vor mich hin und verschwinde schweißgebadet in die trunkene Nacht. Zwei Wochen Ruhe. Die Jugend interessiert sich nicht für meine Bilder. War doch klar. Dann der unerwarteter Anruf: 'Ich komm morgen so nachmittags mal Kekse anbeißen und Bilder gucken'.

Eine Woche später saß Uta Modell, brachte 300 mp3-Files ihrer Death-Metal-Musik mit. Dagegen sind Rammsteine Schlager-Jungs. Während der gesamten Zeit beim Malen des Bildes hörte ich ihre abgrundtiefe Musik. Ich wollte echt wissen wie sie tickt.

Was Uta beruflich macht? Sie ist Chefsekretären in einem großen Pharmakonzern in Hamburg. Heute sind wir befreundet und ich freue mich, dass Du, Uta, heute hier bist. Malerei ist und bleibt ein guter Anlass, um interessante und sehr unterschiedliche Menschen kennen zu lernen, um für eine kurze intensive Zeit den Versuch zu unternehmen, Leben und Wesenheit sorgfältig zu erkunden.

Wer ist die halbierte Dame auf der Einladung?

Wismar Ausstellungen, Manfred W. Jürgens, Baumhaus Wismar, Realistische Malerei, Neuer Realismus, HWI MWJ

Ruth Rupp sah ich 2004 erstmals auf der Bühne des St. Pauli Theaters in der Dreigroschenoper mit Ulrich Tukur als Mackie Messer. Sie sang, nach einer Idee von Katharina John, in der Rolle einer Alt-Hure die Schlussszene und erntete somit allein auf der Bühne stehend den gefährlichen Schlussapplaus des Stückes. Die Hälfte des Publikums heulte vor Rührung. Ich auch. Und ich schwor mir, wenn mir diese kleine Dame eines Tages über den Weg läuft, so werde ich sie ansprechen.

Sechs Jahre später, im Hamburger St. Pauli Theater, hörte ich im Gehen eine lachende erwachsene Frauenstimme rufen: Verdammt, nun kippt mir wieder einer dieser Typen Rotwein in mein Dekolleté nur weil ich so klein bin. Mein Glas stoppte nur wenige Millimeter schräg vor ihr. Ich sah auf eine 154 cm große Frau. Wir saßen noch lange plaudernd im leeren Theater. Andere feierten an der Bar die Eröffnung der neuen Spielsaison, wir verabredeten uns. Ruths Worte: Wenn Du schon sechs Jahre hinter mir her bist, dann müssen wir das jetzt aber auch mal machen, das mit diesem Portrait.

Nach einer Woche saß sie erstmals bei mir im Blankeneser Atelier. Ruth ist nun 85 Jahre alt. Nachdem sie acht Jahre lang ihre kranke Mutter gepflegt hatte, entdeckte sie mit neunundsiebzig Jahren das Schauspiel. Zunächst die Bühne und gelegentlich auch Film.

Vor dem Krieg studierte sie Musik und Gesang. Im zweiten Weltkrieg stand sie als Mädchen in Hamburg an der Flak. Unvorstellbar. Später war sie Kindermädchen für Landkarten-Falk in Blankenese. Dessen Tochter fand sie, nach 43 Jahren, durch mein gemaltes Portrait über Google wieder. Das ist doch Ruth, mein Kindermädchen von einst. Ein Telefonat: Kann es sein? Ja! Nun besuchen sie sich von Zeit zu Zeit und sind zum zweiten Mal befreundet.

Somit ist Malerei wohl doch nicht ganz so sinnlos.

Aufmerksame Stille. Ruth singt eine Szene aus der der Dreigroschenoper.

Stunden später.

Ruth auf dem Heimweg durch die nächtliche Stadt: Boah, dieses Wismar, sensationell, das Kopfsteinplaster. Das ist hier wie im 30-jährigen Krieg. Wenn ich zwischen diese alten Steine falle, könnt Ihr mich lange suchen.

Ruth Rupp kurz vor der Ausstellungseröffnung







Enthüllung einer neuen Bildtafel

Manfred W. Jürgens · 27.04.2012


Wismar Ausstellungen, Manfred W. Jürgens, Baumhaus Wismar, Realistische Malerei, Neuer Realismus, HWI MWJ

Nun zum zu enthüllenden Bild

Es spielt in einem alten Theater. Vielleicht in Venedig. Gong. Unsere Blicke richten sich erwartungsvoll zur Bühne.

Auf dem Piano liegt ein Revolver mit den Fingerabdrücken eines Herrn Tukur. Blut quillt unter dem Vorhang hervor. Dort, wo sonst die Chanson-Sängerin das Publikum erotisierend auf dem Piano liegt, ruht sich träumend ein als Löwe verkleideter Hund aus. Er wartet wie wir auf die Katzen der Nacht. In der nebeligen Ferne eine letzte Laterne am Fondamente. Im Hintergrund träumt ein Schiff der Steuerbehörde von unserem Geld. Aber zwischen Ihnen und uns liegt seit 1000 Jahren ein tiefer Kanal.

Skurrile finstere Typen bereichern musikalisch die trunkene Nacht. In die venezianische Stille mischt sich ein Liebeslied. Eine Geige spielende Marionette schwebt sanft von Himmel und tritt vor den roten Vorhang. Welch ein Rot dieses Rot. Der Alptraum jedes Kommunisten. Es offenbart sich ein Abbild unseres absurden menschlichen Daseins. Als mein Freund Urs Willmann diese Tafel erstmals sah, sagte er, die Hände vor seinem Gesicht zusammen schlagend: Das sind sie, die Gladiatoren der Neuzeit!

Mein Modell Uta sagte beim Anblick des Bildes: 'Es gibt aber auch krasse Bands, wa?' Vorhang auf für eine unterhaltsame Zeit mit interessanten Gesprächen und gutem Wein.

Guten Abend!

Wismar Ausstellungen, Manfred W. Jürgens, Baumhaus Wismar, Realistische Malerei, Neuer Realismus, HWI MWJ
Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys, 2010, Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,47 x 2,50 m