John und Jürgens · Auf Augenhöhe


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Fotografie und Malerei - ein Gegensatz? Für Katharina John und Manfred W. Jürgens ergänzen sich beide Genres. Unser ästhetisches Empfinden wird seit Jahrhunderten von der Malerei beeinflußt, während die Fotografie seit ihrer Erfindung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Malerei herausfordert und inspiriert.

John und Jürgens - mit Bezügen zu großen Vorbildern und dem Blick auf Neues, analog arbeitend in schwarz-weiß mit der Kamera und farbig auf der Bildtafel.

Im Fokus steht das Portrait - direkt, fordernd und verstörend.

Fotografie und Malerei - Spiegelbilder unseres Seins.


Der Bildband erschien im Oktober 2019 ❯ zur Ausstellung auf Schloss Evenburg in Leer
24 x 29 cm, Hardcover, 160 Seiten mit 61 Schwarz/Weiß-Fotografien und 63 Farbabbildungen, mit einem Vorwort von Ulrich Tukur

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ISBN 978-3-940677-48-8
Preis 29,00 Euro
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Vorwort von Ulrich Tukur


Über Katharina John

Es sind die unverstellten, magischen Momente, die einen Blick ins Innere des Menschen ermöglichen und ihn in seiner eigentlichen Schönheit, seiner Verletzlichkeit und Verlorenheit zeigen und den poetischen Bezug herstellen zu seinem Platz in der Welt. Es ist die Fähigkeit des fotografierenden Künstlers, diesen Augenblick der Offenheit zu spüren und zur rechten Sekunde einzufangen. Am konsequentesten macht er das mit analogem Material, dem klassischen Rollfilm, der keine Überprüfung dessen erlaubt, was gerade geschehen ist, bis zu seiner Entwicklung also ein Geheimnis bleibt und auch später kaum eine Manipulation gestattet.

Es hat gestimmt oder es ist schiefgegangen; man weiß es erst nach der Sichtung des Materials, die stets mit einer gespannten Erwartung verbunden ist. Die Technik nimmt einem nichts ab, ersetzt mit ihren unglaublichen Möglichkeiten nicht das Talent dessen, der die Welt ganz persönlich abbilden will.

Katharina John fing im letzten Jahr des alten Jahrtausends an zu fotografieren und macht es bis heute (mit wenigen Ausnahmen) in der traditionellen Art ihrer vielen großartigen Vorgängerinnen und Vorgänger.

Fast alle der präsentierten schwarzweißen Fotografien sind Handabzüge auf Barytpapier, das einen hohen Verarbeitungsaufwand bedingt.

Die Liebe zum Menschen, die Neugier, die eigenen Sehnsüchte sind die Grundlage für ein profundes fotografisches Werk. Je vielschichtiger und leidenschaftlicher diese Voraussetzungen sind, je mehr Persönlichkeit also dahintersteckt, desto tiefer vermögen uns die so entstandenen Bilder zu berühren. Katharina Johns Bilder sind Schnappschüsse, Blicke durchs Schlüsselloch, eingefangen ohne künstliches Licht, pur, unverstellt, die uns Menschen zeigen, die nicht Objekt, sondern ganz bei sich sind und uns so einen unvermuteten Blick in ihre Seele gestatten.Viele der gezeigten Bilder sind auf Reisen entstanden, in Sibirien, China, Marokko, Thailand, Kalifornien, der Mongolei, Ceylon und Südafrika. Eindrücke voll menschlicher Schönheit und Würde, aber auch solche, die die Widersprüche und Abgründe unserer Lebenswelten augenfällig machen.

Bei den Portraits, die Artisten nach ihrer Inszenierung im Zwielicht der Hinterbühnen zeigen, sind es die Momente der Erschöpfung, der Erschlafftheit, die einen authentischen Zustand herbeiführen, der uns den Künstler jenseits der Verstellung als zerbrechlichen Menschen vor Augen stellt. Es ist Katharina Johns große Kunst die Menschen, die sie abbildet, so für sich einzunehmen, dass der wahrhaftige Moment vor der Kamera zum Geschenk an die Fotografin wird und zum Beweis eines außerordentlichen Vertrauens.

Das Portrait der Bruna Stefani, die über neunzig Jahre auf Venedigs Giudeccainsel verbrachte, ist ein wundervolles Beispiel dafür. Da lacht eine alte Frau aus ganzem Herzen, und die Runzeln und Falten ihres Gesichts formen eine Landschaft aus Tälern und Gebirgszügen, die von einem Leben künden, das alle Höhen und Tiefen durchlaufen hat. Ich kannte Bruna gut. Wie oft habe ich ihr ein Birrino, ein Bierchen, spendiert und mir ihre Geschichten angehört, die sie lachend und weinend erzählte! Ihr Portrait zeigt mir, wie sehr Katharina sie in ihr Herz geschlossen hatte. Und wie groß Brunas Zuneigung zu dem Menschen war, der sie für die Nachwelt festhielt.


Über Manfred W. Jürgens

Kein Mensch malt so. Nicht nur gegenständlich, sondern so schmerzhaft realistisch, dass selbst die Neue Sachlichkeit fast postimpressionistisch wirkt. Als liefe ein Mensch mit der größten Selbstverständlichkeit in Weste, Kniehose und Rock, mit Perücke und Dreispitz durch die gleichgeschaltete Menge unserer Zeitgenossen, die erschreckt ausweicht und abwehrend die Hände hebt.

Es ist jetzt bald zwanzig Jahre her, dass ein großer, rothaariger Mensch eines Abends nach einem Konzert, das ich in der Worpsweder Music Hall gegeben hatte, am Eingang des kleinen Theaters stand und mich ansprach. Er wolle mich malen, erklärte er mir ohne Umschweife, er hätte mich in einer Talkshow im Fernsehen erlebt und sofort den Wunsch verspürt, einen Rotwein mit mir zu trinken. Und das sei für ihn immer das untrügliche Zeichen, jemanden portraitieren zu müssen.

Wir setzten uns in meine Garderobe, ich trank ein kaltes Bier, er hielt ein Glas Rotwein in der Hand und präsentierte ein kleines Gemälde, das er mitgebracht hatte, um mir zu beweisen, dass er kein Schwätzer, sondern ein ernstzunehmender Kunstmaler sei. Es war das Bildnis einer jungen Frau in einem irischen Pub, und die Art und Weise, wie er sie festgehalten hatte, erinnerte mich an die Portraitkunst eines Hans Memling oder Giovanni Bellini.

Ich hatte gerade in Wien einen Film gedreht, dessen kuriose Handlung sich um ein Gemälde von Pieter Bruegel d.Ä. drehte, das den Titel 'Die Heimkehr der Jäger' trug. Das war auch der Name des Films, und ich spielte in ihm einen Museumskopisten, der sich im Mikrokosmos alter Gemälde verliert und einen Amoklauf gegen die ihn umgebende, bedrückende Wirklichkeit beginnt.

Ich fragte ihn, ob das Bild in traditioneller Lasurtechnik gemalt sei und seine Augen begannen zu leuchten. Er hätte mehrere Monate an die Leinwand verschwendet, hatte die junge Frau in einer Kneipe in Wismar kennengelernt und irgendwann entschieden, sie zu portraitieren. Ich redete von der Anmut und Zerbrechlichkeit im Gesicht der jungen Frau, die ja zweifellos von heute sei, aber durch die Ferne, in der er sie mit seiner Malerei rücke, einen zeitlosen Zauber entfalte.

Mit den alten Meistern verbinde ihn ihr Hang zu Schönheit und Perfektion, antwortete er, und ihre Neugier an den dunklen Flecken unserer Seelen. Vielleicht sei der Ursprung alles Musischen ganz einfach nur die Fähigkeit zum Staunen, fuhr er fort, ihn interessiere das seltsame Wesen Mensch in seiner Zerbrechlichkeit und Verlorenheit. Was sei hinter der Maske, die jeder trägt, in aller Stille auffindbar? Dabei versuche er jedem Wesen auf Augenhöhe zu begegnen. „Ich liebe die Schönheit“, sagte er und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Rotweinglas. 'Die Hässlichkeit aber auch', fügte er hinzu und sah mich lächelnd an.

'Die Vergänglichkeit und der Tod gehören für mich in jedes Bild. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch, die Neue Sachlichkeit ein wenig weiterzuentwickeln und ins Heute zu retten. Das Handwerk der Renaissance, die Lasurtechnik, also die wahre Ölmalerei, ist für mich die Königsdisziplin, sie kann mir bei der Verwirklichung dieses Traums hilfreich sein. Sie ist kaum erreichbar, aber einen lebenslangen Versuch ist sie wert.' Dann stand er auf und packte sein Ölgemälde wieder ein. 'Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom', sagte er, reichte mir die Hand und ging.

So begann eine Freundschaft mit diesem merkwürdigen Menschen, der mir wie ein großes Kind vorkam und uns durch sein hölzernes Brillengestell mit neugierigen, hellwachen Augen fixierte und nicht aufhören wollte, Fragen zu stellen, als hätte er uns noch immer nicht ganz verstanden und ergründet.

Dann wurde auch ich eines Tages zum Portraitierten und konnte beobachten, wie sorgfältig und altmeisterlich er dabei vorging. Es verblüffte mich, wie viele Details, Geschichten und andere Überraschungen er darin versteckte, und so kamen mir seine Gemälde bald weniger realistisch als surrealistisch vor; jeder nähere, sorgfältige Blick machte plötzlich eine fantastische Welt sichtbar, die sich einem zunächst geschickt entzogen hatte.

Hatte Manfred Jürgens sich anfangs mehr für meine Musik, Theater- und Filmarbeit interessiert, waren es schnell Katharina Johns Fotografien, in denen er etwas ihm Verwandtes sah, das tiefe, unverstellte Interesse am Menschen nämlich, der uns hier und da begegnet und verzaubert, weil er ein Geheimnis in sich trägt, das entdeckt und abgebildet werden will. Davon soll dieser Band mit den Bildern zweier wunderbarer Künstler zeugen, die beide auf ihre ganz eigene Art in traditionellen Techniken von der verstörenden Schönheit unseres Lebens erzählen.




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